string(8) "sCultura"
Blick von unten nach oben im Inneren des Siegesdenkmals von Bozen

DIE ORTE DER ERINNERUNG

Manlio Longon und Giannantonio Manci

Manlio Longon (Padua 20. Dezember 1911 – Bozen 31. Dezember 1944), der Verwaltungsdirektor der in der Bozner Industrie gelegenen „Società Anonima Italiana per il Magnesio e Leghe di Magnesio”, stand dem Nationalen Befreiungskomitee (CLN) der Stadt vor, einer Geheimorganisation, die in Südtirol den Kampf zur Befreiung vom Nazismus organisieren sollte. Longon, der im CNL die Aktionspartei (Partito d’Azione) vertrat, wurde am 15. Dezember 1944 an seinem Arbeitsplatz verhaftet und zwei Wochen später – nach der Gefangennahme und Verhören in diesem Gebäude – in der Zelle 2 getötet. Die Gedenktafel wurde im Jahr 1945, mit Zustimmung der Alliierten, vom Standortkommando angebracht. Manlio Longon sind in Bozen auch die Straße, die vom Siegesplatz in die Diazstraße führt, und eine Volksschule in der Roenstraße gewidmet. Die Gedenktafel darunter erinnert an Giannantonio Manci (Trient 14. Dezember 1901 – Bozen 6. Juli 1944), den CLN-Anführer im Trentino. Er wurde am 28. Juni 1944 im unteren Sarcatal im Trentino im Rahmen einer Operation der Bozner Gestapo inhaftiert, mit der der Trentiner Widerstand gebrochen wurde. Der Graf Manci wurde zuerst in Trient und dann in Bozen in diesem Gebäude gefangen gesetzt. Im Laufe eines Verhörs soll er sich aus einem Fenster im dritten Stock (dem Sitz der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes) gestürzt haben, um seine Gefährten nicht zu verraten. Die Gedenktafel wurde von der Kommandantur des 4. Alpenkorps im Jahr 1993 angebracht. Manci und Longon sind Träger der goldenen Tapferkeitsmedaille.

Das Lager

Das Polizei-Durchgangslager Bozen befand sich in der Reschenstraße (Nr. 80), die heute eine der verkehrsreichsten Straßen der Stadt ist, sich damals aber am Rand des Semirurali-Arbeiterviertels hinzog. Es war vom Sommer 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb. In diesen wenigen Monaten wurden hier Tausende von Zivilisten registriert. Die meisten Personen wurden aus politischen Gründen inhaftiert, viele aber auch als Sippenhäftlinge oder aus rassischen Gründen (Juden und Zigeuner). Die deportierten Männer, Frauen und Kinder, die aus der gesamten Operationszone Alpenvorland, aber auch aus anderen nord- und mittelitalienischen Regionen kamen, wurden mit einer fortlaufenden Häftlingsnummer und einem Dreieck in der je nach Kategorie festgesetzten Farbe versehen: rot für die politischen Deportierten, gelb für die Juden, grün für die Sippenhäftlinge. Die genaue Anzahl der ins Bozner NS-Lager deportierten Personen ist nicht bekannt. Urkunden und Zeugenaussagen sprechen von 11.000 Eintragungen. Da wir aus mündlichen Quellen wissen, dass nicht alle Lagerhäftlinge registriert wurden, dürfte das Bozner Lager insgesamt eine größere Anzahl von Deportierten aufgenommen haben. Lagerkommandant war der SS-Untersturmführer Karl Friedrich Titho (1911-2001), dessen Stellvertreter der SS-Hauptscharführer Hans Haage (1905-1998). Vom Bozner NS-Lager ist original einzig die Außenmauer erhalten, die im Jahr 2003 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das ehemalige Lagergelände ist in Privatbesitz. Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts erheben sich hier nicht mehr die Holz-Stein-Baracken des Lagers, sondern ein Wohnblock. Im Jahr 2004 hat die Bozner Stadtverwaltung mit der Restaurierung der Maueraußenseite begonnen, um dieser Stätte größeres Prestige zu verleihen. Vor dem benachbarten italienischsprachigen Kindergarten „Gulliver” sind sechs Bildtafeln mit Notizen zur Lagergeschichte aufgestellt worden. Der Kindergarten erhebt sich an der Stelle der dem Lager angeschlossenen Werkstätten, in denen die Häftlinge Zwangsarbeit zu leisten hatten. Im Jahr 2005 hat die ANPI (Italiener Partisanenverband) den Südabschnitt der Außenmauer restaurieren lassen. Diese Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen und sollen von der Stadtverwaltung fortgesetzt werden.

Virgltunnel: die Zwangsarbeit

Die ins Bozner NS-Lager deportierten Personen waren zur Arbeit verpflichtet. Der Virgltunnel ist eine der vielen Arbeitsstätten. Dieser Tunnel ist zur Symbolstätte erwählt worden, weil hier vom Winter 1944 bis zum Frühjahr 1945 Hunderte von zur Zwangsarbeit verurteilten LagerinsassInnen beschäftigt waren. Im Herbst 1944 waren die Maschinen der Industria Meccanica Italiana (IMI), die Kugellager zu Kriegszwecken erzeugte, von Ferrara hier in den Virgltunnel verlegt worden. An dieser Stätte wird symbolisch an die Zwangsarbeit erinnert, zu der die ins Bozner Lager deportierten Frauen und Männer auch in den vielen anderen, über Südtiroler Gebiet verstreuten Lagern verpflichtet waren.

Das Gleis in der Pacinottistraße: die Transporte

Zu den Hauptaufgaben des Bozner Lagers gehörte es, Tausende von italienischen Zivilisten in die nördlich der Alpen gelegenen Lager weiter zu befördern. Den gleichen Zweck verfolgten in Italien andere Durchgangslager, zu denen außer Bozen auch die in Fossoli di Carpi (Modena), Borgo San Dalmazzo (Cuneo) und Triest gehörten, das auch als Vernichtungslager fungierte. Den Zeugenaussagen können wir entnehmen, dass viele der 13 Transporte, mit denen Männer und Frauen aus dem Bozner Lager in die nördlich der Alpen gelegenen NS-Lager befördert wurden, vom Gleis in der Pacinottistraße ausgingen. Der erste Transport ging am 5. August 1944 ab, der letzte am 22. März 1945. Ziele dieser 13 Transporte waren: Mauthausen (5 Transporte), Flossenbürg (3), Dachau (2) und Auschwitz (1)

Die Erinnerung an das Lager: die Kirche zum hl. Pius X

Neben der Kirche zum hl. Pius X., die auf die Reschen- und die Piacenzastraße geht, erheben sich drei Denkmäler, die zu verschiedenen Zeiten zum Gedenken an das Bozner Lager errichtet worden sind. Angesichts dieser Monumente, die heute ohne eigentlichen Zusammenhang zu den Stätten und Geschehnissen stehen, an die sie erinnern, wird deutlich, dass derartige Denkmäler mit der Geschichte verflochten werden müssen, um verstanden zu werden. Das erste Denkmal befindet sich an der der Piacenzastraße zugewandten Kirchenseite. Es handelt sich um eine der Märtyrerkönigin Maria gewidmete Kapelle. Sie ist im Jahr 1955 auf Initiative des Geistlichen Daniele Longhi aufgestellt worden, des ehemaligen Kaplans der Industriezone, der im Dezember 1944 als CLN-Mitglied verhaftet und ins Bozner Lager deportiert worden war. Diese erste Gedenkstätte zur Erinnerung an das Lager trägt eine eindeutige Widmung. In der Reschenstraße sind auf der Wiese vor der Kirche ein Gedenkstein und ein Standbild errichtet worden. Das nach einem Entwurf von Guido Pelizzari aus Bozen im Jahr 1965 ausgeführte Porphyrdenkmal war vom Komitee für die Feiern zum 20. Jahrestag des Widerstands ausgewählt und auf einem breiten Sockel auf einem Beet vor dem Wohnkomplex Reschenstraße Nr. 80 aufgestellt worden. Unter der noch lesbaren Inschrift hatte sich ein nicht sehr präziser Plan des Lagers befunden, auf einem kleinen Rhombus aus Beton die Jahreszahlen „1945-1965”. Im Jahr 1985 wurde dieses Denkmal abgeändert: Der Lagerplan wurde ausgemeißelt und durch eine Widmung der Stadt Bozen anlässlich des 40. Jahrestags der Befreiung ersetzt. Der Betonrhombus wurde entfernt, die Jahreszahlen „1943-1945” wurden in die Spitze des Denkmals eingemeißelt. Bei dieser Gelegenheit wurde das Denkmal auf die Rasenfläche vor der Kirche zum hl. Pius X. verlegt. Das Standbild daneben ist – als Ergänzung zum Denkmal – hier im Jahr 1985 aufgestellt worden. Es besteht aus einer männlichen und einer weiblichen Figur, die sich bei der Hand halten und ihren Schmerz zum Himmel schreien. Das Werk wurde vom Bozner Bildhauer Claudio Trevi geschaffen.

Gedenktafel für Josef Mayr-Nusser

Die Stadt Bozen hat 2010 an Josef Mayr-Nusser mit dieser Gedenktafel erinnert, die einen seiner zahlreichen Appelle wiedergibt und zugleich an die rückwärtig gelegene Straße verweist, die seinen Namen trägt. Josef Mayr- Nusser (Bozen, 27. Dezember 1910 – Erlangen, 24. Februar 1945) rückte 1934 zum Leiter der Katholischen Jugend im deutschsprachigen Anteil der Diözese Trient auf, zu der Bozen seinerzeit gehörte. Er war auch Mitglied des 1939 im Untergrund begründeten antifaschistischen und antinazionalsozialistischen „Andreas-Hofer-Bundes“. Der Bund setzte sich v. a. für die sogenannten „Dableiber“ ein, also jene deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler, die es vorzogen, in Südtirol zu verbleiben und sich der gewaltsamen Italienisierung zu widersetzen, als wie die Bevölkerungsmehrheit in das Deutsche Reich auszuwandern. Während des NS-Besatzungszeit der Operationszone Alpenvorland waren gerade die „Dableiber“ besonderen Repressionsmaßnahmen ausgesetzt. Als Josef Mayr-Nusser 1944 zur SS einberufen wurde, verweigerte er – nach erfolgter Ausbildung – in der Kaserne Konitz (Westpreußen, heutiges Polen) aus Gewissensgründen den obligaten Führereid. Infolge der Aburteilung wegen Hochverrats wurde Josef Mayr-Nusser in das Konzentrationslager Dachau deportiert, doch starb er während des Transports in einem Viehwaggon aufgrund von Unterernährung in der Nähe von Erlangen. 1958 konnten die sterblichen Überreste nach Lichtenstern am Ritten überbracht und in der St. Josefskapelle beigesetzt werden. Derzeit läuft ein von der Kurie angestrengtes Seligsprechungsverfahren.

Themenweg: https://www.josef-mayr-nusser.it/themenweg/

ARCHITEKTUR

Siegesdenkmal

Im Februar 1926 beschloss die faschistische Regierung Cesare Battisti, Damiano Chiesa und Fabio Filzi ein Denkmal zu errichten. Diese Männer kämpften als italienischsprachige Angehörige des Habsburgerreiches während des Ersten Weltkrieges als Freiwillige auf der Seite Italiens. Gefangen genommen und wegen Hochverrates zum Tode verurteilt, galten sie als Märtyrer des italienischen Irredentismus. Das Denkmal, von Marcello Piacentini entworfen, wurde an der Stelle errichtet, an der 1917 mit dem Bau eines Monumentes zu Ehren der gefallenen Kaiserjäger begonnen worden war. 1928 wurde das Denkmal von König Vittorio Emanuele III., der schon zwei Jahre vorher den Grundstein gelegt hatte, feierlich enthüllt. Das Siegesdenkmal, einem römischen Triumpfbogen nachempfunden, steht auf 14 Säulen in der Form faschistischer Liktorenbündel und wird von einem Relief, Werk des Bildhauers Arturo Dazzi, abgeschlossen, auf welchem die Siegesgöttin Viktoria dargestellt ist. Darunter steht die Inschrift „Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus.“ (Hier sind die Grenzen des Vaterlandes, setze die Zeichen. Von hier aus lehrten wir den anderen Sprache, Gesetze und Künste). Im Inneren des Denkmals steht ein von Libero Andreotti gemeißelter Altar mit dem auferstandenen Christus, entlang der Seitenwände stehen die Büsten von Battisti, Filzi und Chiesa, Werke des Mailänder Bildhauers Adolfo Wildt. Unter dem Denkmal gibt es eine Krypta mit einem Wandfresco des venezianischen Malers Guido Cadorin. Dargestellt sind zwei weibliche Figuren: die „Hüterin der Geschichte“ und die „Wächterin des Sieges“.