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Eine Stadt, „auf Wein gebaut“

Von einer langen Handelstradition zeugen die tiefen Keller unter den Bozner Lauben, die teils aus dem 12. Jahrhundert stammen. Heute sind die meisten nicht mehr erhalten, der Weinanbau spielt in der Landeshauptstadt dennoch eine große Rolle. 

Wenn die Bozner Lauben während der Lorenzinacht am 7. August wieder von Weinliebhabenden bevölkert werden, stehen sie direkt auf jenen historischen Gemäuern, die von der jahrhundertealten Weintradition der Stadt Bozen zeugen. Die vielen Kaufleute und Handelstreibenden, die in den Laubenhäusern ihre Waren feilboten, verfügten nämlich häufig auch über einen stattlichen Keller, der oft bereits im 12. Jahrhundert angelegt wurde. 

„Die tiefen Laubenkeller, auf die bereits ein Tiroler Landreim aus dem Jahr 1558 hinweist, beziehen sich auf die Bedeutung der Stadt als Weinumschlags- und Messeplatz“, führt der Historiker und Universitätsprofessor Helmut Rizzolli aus. Die ausgedehnten Keller boten durch ein gut durchdachtes Entlüftungssystem ein ideales Raumklima, das die Temperaturen auch im Winter nicht unter 9 Grad sinken und im Sommer nicht über 18 Grad steigen ließ. 

„Mit Sicherheit reichte der Rebenanbau im Bozner Becken und Umgebung bereits in die vor- und frühgeschichtliche Zeit zurück. Mit der Ausbreitung des Christentums auch nördlich der Alpen war es das Bestreben einer Vielzahl von bayerischen Klöstern Weinhöfe im Bozner Raum zu erwerben, um immer über genügend Messwein zu verfügen“, berichtet Rizzolli.

Um sich ein zweites Standbein zu sichern, handelten die Bozner Kaufleute deshalb häufig nicht nur mit Stoffen und Gewürzen, sondern auch mit Wein bzw. Maische, also dem noch nicht vergorenen Rohprodukt, bestehend aus Saft, Fruchtfleisch, Schalen und Kernen der Traube. Anlässlich der Märkte, die vier Mal im Jahr, jeweils zwei Wochen lang, in Bozen stattfanden, wurde somit Ware angeliefert und eine leere Rückfracht nach Norden und Süden vermieden, indem Wein oder Maische wieder mitgenommen wurde. 

Intakt sind heute nur noch die wenigsten der alten Laubenkeller und die Bedeutung der Stadt Bozen als Weinumschlagplatz kann nicht mehr mit jener des Mittelalters verglichen werden. „Dennoch ist der Wein in Bozen weiterhin sehr präsent, auch landschaftlich“, weist Rizzolli darauf hin, dass Bozen seine ausgedehnten Weinberge, auch in Hanglage und bis in die Altstadt hinein, erhalten konnte. „Wenn wir zu Lorenzi, also am Tag, an dem die ersten blauen Burgundertrauben, die Lorenzeler, reif werden unter den Lauben die traditionelle Weinverkostung begehen, dann sollten wir uns der uralten Weintradition der Talferstadt erinnern“, regt Rizzolli an. Als grüne Lunge sollen die Weinberge auch weiterhin Lebensqualität und Stadtbild sowie Existenzgrundlage der bäuerlichen Welt erhalten. 

Bildtext: Historiker Helmut Rizzolli in einem der wenigen Laubenkeller, die sich über die Jahrhunderte erhalten haben.  

Foto: Ursula Pirchstaller