„Persönlichkeit“ des Monats: Der Ginkgo-Baum im Hof des Palais Campofranco
30. Januar 2026
„Persönlichkeit“ des Monats: Der Ginkgo-Baum im Hof des Palais Campofranco
Im Herzen der Stadt, angrenzend zum Waltherplatz, steht das Palais Campofranco. Der prächtige, barock gehaltene Ansitz zeichnet sich nicht zuletzt durch seinen bezaubernden Innenhof aus. Das Palais hat eine lange Geschichte, die bis zu den Anfängen der Handelsstadt zurückreicht. So wohnte hier die reiche Familie florentinischer Kaufleute und Bankiers namens De Rossi, die um das Jahr 1300 aus der Toskana nach Bozen zog. Die Familie, die zu den einflussreichsten der Stadt gehörte, erwarb in den Jahren darauf das Bürgerrecht und integrierte sich perfekt in die Gesellschaft. Schon bald wurde sie zur Familie Botsch.
Der Ansitz wurde später, 1760, an die Familie Mayrl verkauft und vollständig neu gestaltet. Die Geschichte des Palais ist eng mit einem prächtigen Baum verbunden, einem Ginkgo, der noch heute in der Mitte des Innenhofs steht, wo er vor anderthalb Jahrhunderten gepflanzt wurde.
Blenden wir zurück: 1848 wurde das Gebäude zur Residenz des Habsburger Erzherzogs Rainer von Österreich, Bruders des Kaisers Franz I. und Vizekönig von Lombardo-Venetien. Nach den blutigen Aufständen des Jahres 1948, den „Fünf Tagen von Mailand" kehrte Rainer nicht mehr nach Mailand zurück, sondern lebte im Bozner Palais zusammen mit seiner Frau Elisabeth von Savoyen-Carignan, der Schwester von Karl Albrecht, König von Sardinien. Der Sohn des Erzherzogs, Heinrich von Österreich, war leidenschaftlicher Botaniker; er ließ beispielsweise die Guntschnapromenade in Gries, die ursprünglich nach ihm benannte Heinrichspromenade, anlegen und mit mediterranen Pflanzen schmücken.
Wann und wie genau der Ginkgo-Baum nach Bozen kam, lässt sich nur vermuten; es heißt, es sei Kaiserin Elisabeth von Österreich gewesen, die berühmte Sisi, die auf einer ihrer vielen Reisen die exotische Pflanze Erzherzog Heinrich geschenkt habe. Tatsache ist, der Ginkgo steht seit ca. 1889 im Hof des Palais zwischen Waltherplatz und Mustergasse. Übrigens: Heinrich von Österreich war hoch angesehen, Feldmarschalleutnant und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies, er kämpfte mit Auszeichnung in der Schlacht bei Custozza (1866) – gegen das Haus Savoyen, immerhin Teil seiner Verwandtschaft.
Kein Zufall, dass der Baum – ein Geschenk – ein Ginko war. Die botanische Rarität symbolisierte gestern wie heute Liebe, Freundschaft, Hoffnung und Frieden. Vor 150 Jahren war der Hof des Palais ein reicher botanischer Garten, wie es damals bei Aristokraten Mode war. Die Vegetation aus China und dem Fernen Osten bestand aus Seltenheiten wie Orchideen, Brombeeren mit weißen Stängeln, gelbgrünen Farnen und ungewöhnlichen Blüten. Sie schufen im Herzen von Bozen eine unerwartete Exotik.
Noch heute bezeugt der Ginkgo, dass diese Baum-Art, die es seit 250 Millionen Jahren gibt, allen natürlichen und auch menschengemachten Katastrophen widerstand und widersteht. Nicht von Ungefähr trägt er den Übernamen „Lebendes Fossil“. Das Palais heißt heute Campofranco – nach der Familie der einzigen Tochter von Erzherzog Heinrich, Maria RainerIa (1872–1936), die den sizilianischen Adligen Enrico Lucchesi Palli, Fürst von Campofranco, heiratete.
Um den Baum während der Umgestaltung des Palais zu schützen und zu erhalten, wurden eine Art Blumentopf aus Stahlbeton errichtet und Flusskiesel um den Stamm gelegt. Da auch die Stadt auf Kiesel erbaut wurde, ist der Ginkgo eines der Symbole von Bozen. Im Jahr 2000 wurde er „Millenniumsbaum“ genannt und zu einem Naturdenkmal, das Zeugnis des Lebens und der Abfolge von Generationen im Herzen der Stadt ablegt. Maria RainerIa lebte bis zu ihrem Tod Mitte der Dreißigerjahre im Palais Campofranco, danach wurde es von Gräfin Renata von Kuenburg, Großmutter des heutigen Besitzers, Georg von Kuenburg, erworben. Bei der Eröffnung des renovierten Innenhofs mit dem Ginkgo in der Mitte sprach man von einem Ort des Zusammentreffens und Wohlbefindens, von einem echten Symbol der Liebe!
Bild: Ginko Biloba, Courtesy Palais Campofranco