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Persönlichkeit des Monats: Saman Kalantari

Er stammt aus dem Iran, aus der Stadt Shiraz, kam vor 20 Jahren nach Italien und lebt heute in Bozen: der Künstler Saman Kalantari. Für seine Arbeiten, vor allem mit Glas, wurde er international bekannt. Kalantari schwärmt in unserem Gespräch vor allem für den Ton, dem Material, das er besonders liebt.

Herr Kalantari, Sie haben sich zunächst mit Keramik befasst, doch im Lauf der Zeit auch unterschiedliche Materialien verwendet, nicht zuletzt Glas, um sich künstlerisch auszudrücken. Woran liegt das?

Ich hatte anfangs eine sehr starke Verbindung zum Ton, die für mich bis heute etwas ganz Besonderes geblieben ist. Es ist ein weiches, plastisches und warmes Material, fast lebendig. Wenn ich den Ton berühre, habe ich das Gefühl, dass sich Grenzen auflösen – als würde ich Teil des Materials und das Material ein Teil von mir. Vor allem bei der Arbeit an der Töpferscheibe hatte ich das Gefühl, mein Körper dehnt sich, bekommt etwas dazu. Bei keinem anderen Material habe ich so etwas erlebt. Es ist etwas zutiefst Körperliches, aber zugleich sehr Intimes, wie der Kontakt zwischen zwei Wesen, die sich treffen. Oft ist die Spur eines Fingers im Ton zu sehen, fast wie eine Erinnerung an die Bewegung, an das Vorübergehen sozusagen. Mit der Zeit habe ich jedoch das Bedürfnis verspürt, diese mir vertraute Ebene zu verlassen und mich anderen Materialien und Ausdrucksformen zuzuwenden.

Experimentieren Sie lieber oder schaffen Sie eher klar definierte Objekte?

In den meisten Fällen interessiert mich, wie weit ich unterschiedliche Materialien verwenden kann, wohin das führen soll, was sie werden können, wie sie sich entwickeln. Dieser Prozess fasziniert mich zunehmend – auch unabhängig vom fertigen Ergebnis. Manchmal ist es auch ein Scheitern, etwas Zerbrochenes oder Unvollendetes, etwas, das nicht den ursprünglichen Erwartungen entspricht. Es ist ein bisschen so, als würde man durch einen unbekannten Wald gehen: Man sucht kein festes Ziel, sondern lässt sich von den Wegen, den Abzweigungen und den Begegnungen leiten.

Haben Sie jeweils ein klares Ausgangskonzept? Oder entstehen Ihre Arbeiten in einer Art Prozess?

Manchmal habe ich eine anfängliche Idee, eine recht klare Intention, doch dann verschiebt sich die Arbeit, ändert ihre Richtung und führt mich woanders hin. Oft passiert es mir, dass ich mich auf diesem Weg “verliere”, indem ich Intuitionen, kleinen Zeichen und ungeplanten Entscheidungen folge. Aber vielleicht ist es gerade dieses “Verlieren”, in dem ich mich wiederfinde. Die Arbeit entsteht genau dort – zwischen dem, was ich mir vorgestellt habe, und dem, was bei der Arbeit geschieht.

Sie haben weltweit ausgestellt. Welche Erfahrungen konnten Sie dabei gewinnen?

An vielen verschiedenen Orten auszustellen bedeutet vor allem zu reisen, Städte zu erleben, Menschen zu begegnen und in unterschiedliche Kulturen einzutauchen. Schon das allein ist etwas sehr Wertvolles. Letztlich ist Kunst auch genau das: die Suche nach einer Form der Kommunikation, nach einem Weg, mit anderen in Beziehung zu treten. Was mir am meisten geblieben ist, ist die Erkenntnis, dass wir – trotz aller Unterschiede – viel mehr Gemeinsamkeiten haben, als wir oft glauben. Wir konzentrieren uns häufig auf das Trennende statt auf das Verbindende. Und ich denke, dass Kunst eine universelle Sprache ist: Ein Werk kann jemanden tief berühren, auch ohne dieselbe Sprache zu teilen.

Kann man Bozen als Ihre Wahlheimat bezeichnen? Welche Beziehung haben Sie zu dieser Stadt?

Ich muss zunächst zu meinen Ursprüngen zurückkehren: nach Shiraz, meiner Geburtsstadt, in der ich 32 Jahre lang gelebt habe. Auch dort bin ich viel gereist, unter anderem beruflich als Reiseleiterin. Manchmal hatte ich sogar das Bedürfnis, wegzugehen, um neue Orte und Erfahrungen zu entdecken. Und doch fühlte ich mich jedes Mal, wenn ich nach Shiraz zurückkehrte – schon 20 oder 30 Kilometer davor – innerlich daheim, froh. Ich wusste: Ich komme nach Hause, an einen Ort, den ich von allen Seiten kenne, ich kommen heim zu Freunden und Familie.

Heute kann ich sagen, dass ich ein ähnliches Gefühl auch hier empfinde. Wenn ich nach einer längeren Reise nach Bolzano zurückkehre und im Zug sitze, spüre ich, dass ich an einen Ort zurückkehre, den ich kenne, zu Menschen, die ich kenne – an einen Ort, den ich mein Zuhause nennen kann. Es ist schön, wenn ich den Zug verlasse und plötzlich jemand “Ciao, Saman” sagt und ich ein vertrautes Gesicht sehe.

Es stimmt natürlich, die Flüsse sind nicht dieselben wie in meiner Heimatstadt, der Himmel ist nicht derselbe – und auch die Luft fühl sich anders an. Aber wenn man weiter blickt, teilen wir alles auf diesem einen Planeten mit all seinen Menschen. Manchmal, wenn ich ein Flugzeug am Himmel sehe und die Kondensstreifen, die Spuren, die es hinterlässt, versuche ich mir vorzustellen, wie sich diese Linie von hier bis nach Shiraz erstreckt.

Bild: Saman Kalantari, Courtesy Saman Kalantari