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Geheimtipp unter den Radtouren, die Bozen einmal anders zeigen - urban, kriegsverletzt, mit Arbeiter-Flair und leckerem Essen.

Sie gehört zu den weniger bekannten, aber umso empfehlenswerten Fahrradtouren, um das „gelebte Bozen“ tatsächlich kennenzulernen: die URBAN²-Cycling Tour (ca. 8 km) mit kulturellen und gastronomischen Zwischenetappen. Startpunkt ist am Siegesplatz hinter der grünen Talfer-Lunge, mitten in Bozens rationalistischer Architektur. Die Tour schlängelt sich längs der Freiheitsstraße mit ihren “Grieser Lauben” zunächst bis zum Benediktinerkloster Muri Gries (mit Weinkellerei) und von dort durch das Grieser Villen- und Lagreinwein-Viertel bis hin zum Landeskrankenhaus ganz im Süden der Stadt. Über die Reschenstraße erreicht man den avantgardistisch anmutenden Stadtteil Firmian. Gleich dahinter begegnet man einer für Tourist:innen ungewohnten Stadt Bozen; es handelt sich um das frühere Arbeiter-Wohnviertel am Tor der Industriezone. Auf halber Strecke der Reschenstraße (Hausnummer 80, rechte Straßenseite) befindet sich eine Gedenktafel samt Kunstinstallation Wall of Names: Sie weist auf die Mauerreste des ehemaligen Bozner NS-Durchgangslagers. Unweit davon befindet sich die Semirurali-Zone mit dem einzigen erhalten gebliebenen Semirurali-Haus aus den 1930er Jahren (Baristraße 11, heute ein Museum). Vom faschistischen Regime für die Arbeitskräfte der neu entstandenen großen Industriebetriebe wie Lancia und Stahlwerke in Bozen erbaut, mussten diese Häuser ab den 1980er Jahren weichen, um großen Mehrfamilienhäusern Platz zu machen. Der Ausstellungsparcours führt durch eine typische Semirurali-Miniwohnung mit Fotos, Filmen, Stadtkarten, dreidimensionalen Modellen und Erzählungen von Zeitzeugen. Gleich dahinter befinden sich die Überreste von St. Maria in der Au, einem Kloster aus dem 12. Jahrhundert und damit einer der ältesten archäologischen Stätten Bozens. Sie liegt im öffentlich zugänglichen Park der Semirurali (Ausschau halten nach Sommer-Konzerten am Abend).
Mittags oder abends lädt das unscheinbare Restaurant Pizzeria Da Libero in der nahen Alessandriastraße (ristorantepizzeriadalibero.com) zu erstaunlich schmackhaften Fischgerichten und mediterranen Köstlichkeiten. Alternativ, nur eine Radminute davon entfernt, auch das Restaurant Il Portichetto mit Chef Giuseppe Greco, der seine kalabrische Küche mit Bozner Besonderheiten garniert (www.pizzeriailportichetto.it).
Die Tour führt über die Europaallee und weiter über die Capri- und Roenstraße bis zum Gerichtsplatz, einem gelungenen Beispiel rationalistischer Architektur, mit den zwei sich gegenüberstehenden wuchtigen Gebäuden von Landesgericht und Finanzgebäude. Letzteres wird vom Relief Hans Piffraders, einem historisierten faschistischen Mahnmahl, dominiert: Seit Ende 2017 leuchtet auf diesem Relief das berühmte Hannah Arendt Zitat “Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen”. Das Wasserspiel der Najaden-Brunnen verleiht ihm eine besondere Wirkung. Vom nahen Mazziniplatz (Sitz der öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und TV-Anstalt RAI) gelangt man über die Freiheitsstraße wieder zurück an den Startpunkt. Nicht ohne einen Zwischenstopp auf Kaffee und Kuchen im Il Corso (auch Mittagessen und neapolitanische Pizza empfehlenswert!) gemacht zu haben, am Siegesplatz gleich am Anfang der Freiheitsstraße mit ihren Arkaden. Denn im raffinierten Corso-Wohnzimmer-Ambiente mit Vintage-Charme waltet Fabiana, Konditorin aus Leidenschaft, mit ihren süßen Verführungen (www.ilcorsobolzano.it).
Bike-Sharing-Dienst der Stadt Bozen: www.comune.bozen.it
Museum Semirurali-Haus: Besuch auf Vormerkung – Tel. 0471 997588