Zwischen Geschichte und Zukunft: 663 Jahre Weingut Schmid Oberrautner
11. August 2026
Zwischen Geschichte und Zukunft: 663 Jahre Weingut Schmid Oberrautner
Wie Florian und Judith Schmid in 21. Generation ihren Hof bewirtschaften.
Wer durch das Tor des Weinguts Schmid Oberrautner in Bozen-Gries tritt, spürt sofort, dass hier Geschichte gelebt wird. Seit 1363 befindet sich der Hof in Familienbesitz – heute führen ihn Florian Schmid und Judith Gögele mit Passion und Weitblick in die Zukunft. Eine außergewöhnliche Kontinuität, die heuer mit dem Südtiroler Wirtschaftspreis der Handelskammer Bozen gewürdigt wurde. Doch worin liegt das Geheimnis der Langlebigkeit dieses Betriebs? Nicht zuletzt im Mut, in schwierigen Zeiten Außergewöhnliches zu wagen, wie etwa den Anbau von pilzresistenten PIWI-Sorten, die nicht nur hochprämiert sind, sondern sich heute zu einer wichtigen Säule des Weinguts entwickelt haben.
„Als 2020 der erste Corona-Lockdown beschlossen wurde, waren wir gerade im Umbau; unser Hof stand ohne Dach da. Damals dachte ich mir, so Florian, jetzt hast du Zeit, um einen neuen Weinberg mit PIWI-Rebsorten anzulegen, und so ist das Experiment PIWI gestartet – und es ist geglückt“, erzählt Florian. „Ich war damals zwar nicht so gelassen“, schmunzelt Judith, doch ich habe die Pläne meines Mannes mitgetragen und arbeite seither hauptberuflich am Hof mit.
Heute können die Schmids die Früchte der damaligen Anstrengung ernten: Der Umbau des Hauses ist erfolgt, neben dem Wein sind seither auch Gästebetten eine wichtige Einnahmequelle der Familie. Und der Schritt hin zum nachhaltigen Weinbau mit den widerstandsfähigen PIWI-Sorten hat sich ebenfalls gelohnt. „Wir können sagen, dass gerade diese Weine außergewöhnlich gut verkauft werden“, resümiert Florian. Und die Fachwelt gibt ihm Recht: Nach dem 1. Platz bei der PIWI International Wine Challange 2025 konnte das Weingut auch 2026 mit Gold für den Souvignier Gris Orange Wine erneut überzeugen. „Die Prämierung 2025 war damit kein Zufall“, scherzt Florian. Die Wurzeln des Betriebs, nämlich die Erzeugung hochwertiger Lagrein-Weine, werden trotz der Neuorientierung nicht vernachlässigt: Der Lagrein Riserva 2022 wurde 2025 beim Mondial des Vins Extrêmes 2025 mit der Grand d’Or Medaille ausgezeichnet.
Für das Ehepaar sind diese Prämierungen jedoch weit mehr als eine Würdigung der Vergangenheit. Sie verstehen sie als Auftrag für die Zukunft. Wer einen Betrieb mit einer so langen Geschichte übernimmt, trägt Verantwortung – gegenüber Ullin am Graut aus Afing, der den Hof für das Kloster Freising erstmals bearbeitet hat, ebenso wie gegenüber jenen, die ihn eines Tages weiterführen werden. Tradition bedeutet für sie deshalb nicht Stillstand, sondern den Mut, Neues zu wagen.
Aus der früheren Vinothek hat sich in den vergangenen Jahren ein Ort des Erlebens entwickelt. Heute laden regelmäßige Kellerführungen, Weinverkostungen und der beliebte Weinstammtisch dazu ein, Wein dort kennenzulernen, wo er entsteht. „Heute suchen die Menschen das Besondere, das Erlebnis; sie schätzen den Kontakt zum Winzer“, weiß Judith. Selbst aus bäuerlichem Umfeld stammend, fügt sie sich heute nahtlos in eine weitere Tradition der Familie ein: Jene der aktiven Frauen, die an der Zukunft des Hofes immer mitgewirkt und mitentschieden haben. „1984, als es den großen Weinskandal gab, wollte mein Vater schon aufgeben, doch meine Mutter war dagegen und mit einem Geschäft und einer Verkostungsecke wurde der Weinhof aus schwierigen Zeiten geführt“, erinnert sich Florian.
Getreu dem Motto „etwas geht immer“ werden Florian und Judith auch in den nächsten Jahren wieder beweisen, dass die größte Stärke eines traditionsreichen Familienbetriebs nicht allein in seinem Alter liegt, sondern in der Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden. Vielleicht ist genau das das Geheimnis eines Weinguts, das seit mehr als 660 Jahren die Bozner Weinkultur mitprägt.
Urlaub in Bozen Gries beim Winzer: Kellerei Schmid-Oberrautner
Bildtext: Während der Lagrein unsere historische Grundlage bildet, steht der Souvignier Gris für unsere Verantwortung gegenüber kommenden Generationen“, sagt Winzer Florian Schmid Oberrautner (im Bild bei der Arbeit in seinem Weingut). Text: Ursula Pirchstaller.